Alexander Puschkin

(1799-1837) - Vater der russischen Literatur

Alexander Puschkin, russischer Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, nimmt bis heute eine zentrale Stelle in der russischen Nationalliteratur ein. Seine Werke, in denen alte starre Sprachformen durch die Lebendigkeit der Volkssprache abgelöst wurden, leisteten den größten und endgültigen Beitrag zur Herausbildung der neuen russischen Literatursprache.

Zu einem Sakralwerk ist in Russland Puschkins Roman in Versen "Eugen Onegin" geworden. Es gehört fast zum guten Ton, mindestens Auszüge daraus auswendig zu kennen. Dieses und viele andere Werke von Puschkin wurden Russland-weit verfilmt und in Opern oder im Balett verarbeitet. Viele seiner Gedichte wurden vertont und als Romanzen vorgetragen.

Urenkel eines äthiopischen Fürsten - Sinnbild für russische Kultur

Puschkin wurde am 6. Juni (26. Mai) 1799 in der "Deutschen Vorstadt" (Nemezkaja Sloboda) in Moskau geboren. Sein Vater gehörte zu einem alten Adelshaus. Seine Mutter, geborene Gannibal, war Enkelin des "Mohren Peters des Großen" - des äthiopiers Abraham Gannibal, den Peter I. von seinem Gesandten in Istanbul (damals Konstantinopol oder Zargrad) geschenkt bekommen hatte und zu seinem Patenkind machte.

Als Kind beherrschte Puschkin Französisch besser als Russisch, und seine ersten Dichtungen wurden in Französisch verfasst. Um so verfeinerter wird später sein Gefühl für die russische Sprache, anerzogen von seiner Großmutter und durch literarische Tätigkeit seines Onkels, Lew Puschkin erworben.

Erste Veröffentlichungen erlebt Puschkin noch während seiner Ausbildung im Lyzeum "Zarskoje Selo" bei Sankt Petersburg. Sein literarisches Talent wird von seinen Mentoren und Studienfreunden aber auch schon von den Altmeistern der russischen Literatur Karamsin, Schukowski und Derschawin anerkannt.

Unter der staatlichen Kontrolle

Doch stand der größte Vertreter der russischen Poesie sein ganzes Leben lang im Konflikt mit seiner Umgebung. Als häufig jähzorniger und sarkastischer Mensch, hatte Puschkin viele Gegner in der "hohen Gesellschaft". Er selbst suchte oft den Streit. Es sind mindestens zehn von ihm initiierte Duellversuche bekannt.

Gleich nach dem Abschluss des Lyzeums in Zarskoje Selo wird Puschkin 1820 in den Kaukasus verbannt. Im Erlass des Zaren hieß es, Puschkin "habe Russland mit seinen ungeheuerlichen Gedichten überflutet." Im Kaukasus verbringt er drei Jahre, bis er mit einem weiteren "hohen Erlass" zum Landgut seiner Eltern im Pskower Gebiet, Michailowskoje, entlassen wird - unter die "Aufsicht der hierortigen Behörden". Er denkt an Zarenmord und, da dies ihm schließlich doch unausführbar scheint, an Selbstmord.

Unter der Aufsicht des Zaren - zuerst Alexander I. und ab 1825 Nikolai I. - steht Puschkin bis an sein Lebensende. Trotz seiner schriftlichen Bitten wird es ihm immer wieder verweigert, zu einer Kur ins Ausland zu fahren. Auch für Reisen innerhalb Russlands braucht der Schriftsteller meistens eine "hohe Zusage."

In gewisser Weise erinnert Puschkin darum sogar frappierend auch an seinen Zeitgenossen Heinrich Heine und dessen Rebellenrolle und seine Dauerkonflikte mit der Obrigkeit in Heines Geburtsstadt Düsseldorf und in anderen deutschen Fürstentümern - die sich in mancherlei Hinsicht aus seiner Abstammung ergaben. Heine blieb allerdings immer Rebell und Aussenseiter, während Puschkin zum literarischen Idol seiner Zeit wurde - obwohl oder vielleicht gerade weil Puschkin sich in alle Konflikte der Zeit einmischte.

Exil für gedeihliches Schaffen

Gerade die Jahre des kaukasischen Exils sind aber für Puschkin von einer höchst fruchtbaren Arbeit geprägt. Er vollbringt "Ruslan und Ludmila", "Lied von dem Wahrsager Oleg", "Den Gefangenen im Kaukasus" u.a.. "Eugen Onegin" und viele weitere Werke werden von ihm in dieser Zeit begonnen.

Eine Verbesserung der Beziehungen zu Nikolai I. in den 30-er Jahren äußert sich in der Erlaubnis, staatliche Archive nutzen zu dürfen. Puschkin schafft eine ganze Reihe historischer Werke: "Boris Godunow", "Pugatschow", "Die Hauptmannstochter". Seinem äthiopischen Urgroßvater, der sich als Abram Petrowitsch Gannibal in die russische Gesellschaft integrierte, widmet Puschkin seinen Roman "Der Mohr Peter des Großen".

Genie und Infernalität sind unvereinbar

Im Alter von 37 Jahren wird Alexander Puschkin im Duell mit dem Höfling Georges-Charles D'Anthes tödlich verwundet. Anlass des Duells waren Gerüchte über dessen Liebesbeziehung mit Puschkins Frau Natalja Gontscharowa. Am 10. Februar (29. Januar) 1837, einen Tag nach dem Duell, stirbt der Schriftsteller in seiner Petersburger Wohnung in der Moika-Straße 12.

Sein Tod findet ein breites Echo in den Werken vieler zeitgenössischer Künstler. Mit dem Namen Puschkins beginnen viele junge Dichter und Literaturkritiker ihre Laufbahn. Letztere verweisen aber oft darauf, dass der große Puschkin schon eine ganz andere Bedeutung und Gestalt in der russischen Kultur hätte, wenn das Duell mit Dantes mit seinem Sieg ausgegangen wäre.

Nicht der ist Dichter, der Reime flechten kann

Als Dichter, Schriftsteller, Bühnenautor und Kritiker genießt Alexander Puschkin allgemeine Anerkennung nicht nur dank seines unübertrefflich feinen Stils, der ihn zum Vater der russischen Literatursprache machte, sondern auch dank seiner gleichermaßen geschickten Beherrschung aller Literaturgenres.

Neben seinen zahlreichen Dichtungen, Romanen und Erzählungen hat Puschkin Märchen, Balladen, historische Arbeiten und Dramen, Kritiken und Übersetzungen geschaffen, so dass seine Werke auch nach seinem Tode jede Generation in Russland schon von Kindesbeinen an und durch das ganze Leben begleiten.

(Anna Kurizina, 12.2006)

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